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„Fenster auf Kipp machen mich sauer!“

Interview mit Oliver Hartmann zu alternativen Energiesparmöglichkeiten

Oliver Hartmann ist Immobilienfachwirt und Diplom-Sach-verständiger (DIA) für die Bewertung von bebauten und unbebauten Grundstücken sowie für Mieten und Pachten. Seit 1995 ist der Diplom-Kaufmann zudem in der Aus- und Weiterbildung für Immobilienkaufleute, -Fachwirte und -Ökonomen tätig und unterstützt die IHK in verschiedenen Funktionen im Prüfungswesen.

Herr Hartmann, Sie sagen von sich selbst, Sie wollen die Immobilienwelt besser machen. Wie ist das zu verstehen?

O. Hartmann: „Ich möchte, dass die Immobilienwirtschaft ganzheitlicher gesehen wird. Da geht es um Fragen von ‚Passt die Finanzierung noch?‘ genauso wie um ‚Was geschieht, wenn ich meinen Bestand auf Angehörige übertrage?‘ oder ‚Wie kann ich ganz leicht als Selbstnutzer Energiekosten reduzieren?‘“

Da greifen wir gerne die letzte Frage auf – was schlagen Sie vor?

O. Hartmann: „Meiner Meinung nach schauen wir heute viel zu wenig auf das, was früher genial gelöst wurde. Schon die alten Römer wussten vor 2000 Jahren, wie sie ihre Häuser am besten klimatisieren und dabei Energie einsparen konnten. Da wurden große Rohre in die Wände eingebaut, durch die warmes oder kühles Wasser zirkulierte, Räume ließen sich so von oben beheizen oder kühlen. Es brauchte nur einen Temperaturunterschied von 4 °C, um den Wasserkreislauf ohne lange Vorlaufzeit zu betreiben. Sogar in der Wüste sorgen sogenannte Windtürme für ein angenehmes Klima in Gebäuden.“

Sie kennen sich gut aus…

O. Hartmann: „Ja! Ich bin unendlich neugierig und immer auf der Suche nach Alternativen zum heutigen klassischen Wohnen mit Öl- oder Gasheizung und gekippten Fenstern.“

Gekippte Fenster?

O. Hartmann: „Es macht mich ziemlich sauer, in wie vielen Wohnungen Fenster auf Kipp stehen. Vor allem auch nachts. Niemand erstickt, wenn beim Schlafen das Fenster geschlossen bleibt. Wenn ich zu etwas raten darf: Keine Fenster mehr herstellen, die diese Funktion zulassen. Die feuchte Innenraumlauft muss nach draußen und durch trockenere Außenluft getauscht werden. Diese lässt sich dann schneller aufheizen und man spart Energie. Das gute alte Stoßlüften, also mal für ein paar Minuten alles aufreißen, ist die bessere Idee. Übrigens auch, weil Schimmel das Durchlüften gar nicht mag.“

Und welche Alternativen gibt es noch zu Öl- und Gasheizungen?

O. Hartmann: „Alle sprechen im Moment von Wärmepumpen. Hier gehe ich einen Schritt weiter und nenne die Eisheizung. Ein überaus einfaches und effektives Prinzip. Sie bauen unter Ihrem Grundstück einen unterirdischen Speicher aus Beton, den sogenannten Eisspeicher. Darin wird dem Wasser kontinuierlich Wärme entzogen und auf 0 °C heruntergekühlt. Allein dieser Vorgang setzt schon Energie frei. Wenn das Wasser dann gefriert, kommen weitere Energieeinheiten hinzu. Das Schmelzen des Eises durch die Wärme des Bodens bzw. durch die Zuführung der warmen Außentemperatur über einen Luftabsorber erzeugt eben-falls Energie. Die sich dann mit Hilfe der Wärmepumpe nutzbar machen lässt.“

Vielen ist die Eisheizung noch nicht bekannt, oder? Jedenfalls ist das System bisher noch nicht besonders medial berücksichtigt worden. Woran könnte das liegen?

O. Hartmann: „Sicher zunächst einmal an den Kosten, die bei etwa 20.000 Euro losgehen. Und an den Möglichkeiten, einen Tank einzubauen, der 10 Kubikmeter fasst. Das heißt, der Platz muss vorhanden sein. Bei Neubauten wird das im besten Fall gleich mitgedacht. Im Bestand kann es dagegen schwierig werden, da in der Regel eine Flächenheizung benötigt wird.“

Schade, es hört sich so einfach an – Wasser, ein Tank und eine Wärmepumpe.

O. Hartmann: „Nicht ganz, das Wasser wärmt sich ja nicht von ganz alleine auf. Dafür braucht es zum Beispiel Solarmodule bzw. Photovoltaik. Dennoch: Es lohnt sich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, über diese Investition nachzudenken. Sie sparen damit bis zu 50% Energie ein, nach einigen Jahren hat sich die Eisheizung also rentiert. Außerdem ist sie komplett emissionsfrei. Und, ein weiterer großer Vorteil, im Sommer können Sie die Heizung als Klimaanlage nutzen, besser geht es eigentlich nicht. Auch eine Förderung durch die KFW ist möglich.“

Haben Sie noch andere Tipps?

O. Hartmann: „Um grundlegend etwas zu ändern, müssen wir uns fragen, wie wir mit Hilfe der Architektur Antworten auf die Klimaveränderung geben. Einiges lernen können wir dabei auch von fernöstlichen Kulturen. Da geht nichts ohne Naturmaterialien und Pflanzen. Zum Beispiel: Ahorn- oder Kirschbäume werden in den Wohnbereich integriert. Das sieht toll aus und verbessert die Luftqualität. Bäume, Sträucher oder Fassadenbegrünung können am Haus als Windbremse verhindern, dass Wärme über die Außenwand abfließt und sorgen zusätzlich für Sonnenschutz. Kurz gesagt: Wir müssen anfangen, einiges im Kopf zu drehen.“

Das gilt auch für die Städteplanung im Allgemeinen, oder?

O. Hartmann: „Auf jeden Fall. Dem Klimawandel können wir nur begegnen, wenn wir zum Beispiel bebaute Flächen nutzen und nicht ohne Ende neu zubetoniertes Gelände da-zukommt. Es gibt zu wenig Wohnraum, ja, aber was spricht dagegen, leerstehende Ladenlokale in innerstädtischen Lagen zu nutzen, um barrierefreies Wohnen möglich zu machen? In der Regel befinden sich solche Räumlichkeiten im Erdgeschoss, haben einen eigenen Eingang und sind zentral gelegen.“

Wo könnte denn jeder für sich im Kleinen mit Klimaschutz anfangen?

O. Hartmann: „Ganz klar, weniger Wasser verbrauchen, die Heizung ein, zwei Grad runterdrehen und ruhig mal einen Pulli anziehen – jedes Detail macht etwas aus – und spart Geld. Allerdings müssen wir auch hier den gesamten Prozess betrachten. Wer etwa das Wasser im Toilettenspülkasten reduziert, riskiert verstopfte Leitungen.“

Sind das Themen in Ihren Seminaren und Weiterbildungen für Immobilienmakler?

O. Hartmann: „Durchaus, denn darum geht es. Ich möchte den Lernenden ein Gefühl für das gesamte Thema herüberbringen. Natürlich ist es immer das Ziel, Immobilien gut zu vermarkten. Aber das kann ich nur, wenn ich potenzielle Käufer auch mit fundiertem Fachwissen versorgen kann.“

Dazu gehören sicher auch juristische Grundlagen?

O. Hartmann: „Als Trainer und Dozent muss ich immer auf dem Laufenden sein, was die neuesten Gesetzgebungen betrifft. Etwa das Wohnungseigentumsgesetz, das sehr umfassende Änderungen mit sich gebracht hat, darunter entscheidende Vorteile für Eigentümer. Ebenso vermittle ich auch Wissen zu den von der Bundesregierung festgelegten energetischen Zielen und versuche bei all der Theorie spannende Praxisbeispiele zu geben.“

Was ist für Sie der wichtigste Inhalt, der in Ihren Seminaren vermittelt werden soll?

O. Hartmann: „Jeder hat eine andere Vorstellung, wie er wohnen möchte und was er schön findet. Wir müssen auch Lagen neu denken: Ich habe festgestellt, dass Wohnungen direkt an der A40 durchaus nachgefragt werden, vornehmlich von Menschen im Rentenalter. Sie begründen das damit, dass da immer etwas los und zu gucken ist. Andere wollen es lieber ruhig und grün. Man sollte also immer den richtigen Käufer für die Immobilie finden. Und nicht umgekehrt.“

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